Aktuelles

Carlos Gardel, Tangosänger – wer ihn noch im Ohr hat oder gar im Herzen trägt, wird ihn sofort wiedererkennen, zumindest seinen Hut über dem Profil – Gardel ist einer der alten uruguayischen Heroen des frühen 20. Jahrhunderts.

Was soll so ein Bild aus den frühen 1990ern unter Aktuelles? Nun, das Bild – eine Collage – kam mir aktuell, im Lockdown wieder in den Sinn: Streifen aus altem Zeitungspapier, mild gefärbt, mit Bedacht und zugleich nachlässig aufgeklebt, weil die Schnipsel mit der Zeit doch machen, was sie wollen: sie lösen sich ab, hängen, lümmeln herum, biegen, wölben, verdrehen sich mit dem Wetter, lassen stellenweise ihre Rückseite mit uralten Zeitungsneuigkeiten (Zahlenkolonnen, Viehpreise?) erkennen. Die letzten dreizehn Jahre stand dieses Bild bei uns nur im Dunkeln. Gemein. Jetzt hatte ich es befreit, hervorgeholt aus unserem Kunstschrank. „Gardel“ von Ernesto Vila aus Uruguay … manche der losen Teilchen, wie sie da so traurig hingen, hatte ich inzwischen behutsam in die alte Spur zurückgebogen, hauchdünn neu verklebt, manchen Riss, eher weniger geheilt als zu viel. Eine Art Wiedergutmachung; von 1972 bis 78 war Vila, Jg. 1936, eingesperrt, politischer Gefangener der uruguayischen Militärdiktatur. Abfallschnipsel, wertloses Zeug, das subversive Winde über die Gefängnismauern wehten, wurde damals sein Kunstmaterial. Und wenn er seither solche Collagen immer wieder verfertigt, dann ist das der Versuch, etwas Neues aus den von den Militärs zurückgelassenen Zerstörungen zu schaffen. Aus einem sehr schönen Grund, zu dessen Erklärung er lange ausholt:
“A mí me gusta Gardel pero no de una manera exagerada, no soy un fanático de Gardel. Ahora, ¿por qué entonces durante tanto tiempo y casi anualmente me he fijado hacer un Gardel?, eso sí: trato de hacerlo siempre distinto, siempre es el mismo Gardel pero el carácter formal es distinto. Sucede que en mi barrio había muchos inmigrantes, y había un sastre veterano, que se había jubilado ya, que en verano hacía el despunte en la vereda, ponía una silla en la vereda, y un día yo estaba conversando con él – yo era chico –  y le dije: mire Don Juan, yo voy a casa de los judíos, ellos hablan y yo no entiendo absolutamente nada, y ellos escuchan a Gardel; después voy a casa de los gallegos y entiendo un poquito más, y ellos escuchan a Gardel; después voy a la casa de Pan de Leche ­–en realidad era un yugoslavo que se llamaba Pandelek y nosotros le decíamos Pan de Leche – y no entiendo absolutamente nada, y allí escuchan a Gardel; luego voy a mi casa donde ahí sí entiendo todo y ahí también escuchan a Gardel… Entonces el viejo me mira y me dice: entonces Gardel es macanudo. Le pregunto por qué, ¿porque canta bien? Y me dice: no, porque nos junta. Y yo creo que es en homenaje también a ese vecino Don Juan que insisto siempre con el ícono y lo reitero”.
Vila sagt da, frei und kurz übersetzt: Gardel ist nicht der, der er ist, weil er so wunderbar singt, sondern weil er die Leute, uns und die Einwanderer im Viertel, die Juden, die Polen, die Ukrainer, die Yugos zusammenbringt. Uns alle, auch wenn wir verschiedene Sprachen sprechen. Für alle ist er immer er und zugleich jedem der Seine.

Und was ist sonst noch aktuell? Nun, neue Texte eben, die immer recht langsam entstehen.

Brandaktuell ist etwas mit der sperrigen Überschrift: „Fernwärme, Tschechow, die bildende Kunst und das Odenschmieden“, online erschienen bei „Litera(r)t“ unter http://www.ag-offene-literatur.net/sites/literart/2021_07_literart_08.html

Am 30. Mai 2021 gab es eine spannende Online-Lesung mit Isabel Fargo Cole, einer in Berlin lebenden Autorin und mir. Organisiert von der berühmten „Schitz Katze“, hinter der bekanntlich Bernd Kebelmann steckt. Mein Vortrag, diesmal mit einfachem Titel, lautete:

Am 22. Januar war im Ulmer Museum eine Eröffnung ohne Öffnung von: Ein Woodstock der Ideen – Joseph Beuys, Achberg und der deutsche Süden.
https://museumulm.de/ausstellung/ein-woodstock-der-ideen-joseph-beuys-achberg-und-der-deutsche-sueden/

Im Katalog dazu, der im März erschien, ist ein Text von mir mit dem Titel: Zum Funktionswandel des Geldes nach Joseph Beuys abgedruckt. Hier ein Auszug vom Anfang des Textes:

Abreise aus Düsseldorf, am Abend Podiumsdiskussion in Ulm, noch in der gleichen Nacht zurück. Und immer so weiter. Joseph Beuys als gesellschaftspolitischer Ideengeber hatte sich ein hartes Pensum auferlegt. „Was ist Geld?“, ein Thema von universeller Bedeutung, hatte ihn diesmal in den deutschen Süden geführt. Als Teilnehmer an einer volkswirtschaftlichen Fachdebatte, sollte der Künstler, wo gab es das schon, gleich auf drei ausgewiesene Experten treffen: Hans Binswanger und Werner Ehrlicher, zwei Ökonomieprofessoren unterschiedlicher Denkschulen, sowie Johann Philipp Freiherr von Bethmann, Bankier und Kritiker seines Faches.
Und wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Begegnung? Nun, mir, dem heutigen Berichterstatter und damaligen Organisator und Moderator der Veranstaltung war aufgefallen, dass Beuys sich kontinuierlich, über Jahre hinweg, zur Geldfrage vernehmen ließ; auf seine Art, in Form von Aktionen, Installationen, Statements, visuell, verbal. Markant zum Beispiel waren Beuys‘ „31 Tafeln um Geld“ – Kreide auf Schultafeln je 185 x 120 cm –, die 1978, lange her, im Zusammenspiel mit wenigen weiteren, tiefgründigen Objekten in der Städtischen Kunsthalle Düsseldorf als Teile einer raumgreifende Arbeit ausgestellt waren.

Ebenfalls irgendwann im Januar hätte ich an einer Lesung im Literaturhaus in der Fasanenstraße in Berlin teilnehmen sollen; mittlerweile immer wieder verschoben auf ??? Oktober.

Mittlerweile abgeschlossen habe ich einen Text, von dem ich noch nicht weiß, wie er an die Öffentlichkeit gelangen wird. Sein Titel: Die schleppende Geschichte von der Errettung der Welt nach dem Weltuntergang, den keiner bemerkte.
Manuskriptumfang:
45 216 Wörter; 308 482 Zeichen m. L.

Vorarbeiten dazu kamen 2018 online im Ausreißer, s. Texte.